Das Hamburger Hörspiel OrchesterDas Studio-Orchester für Hörspiel-, Film- und Gamevertonungen.
Mit der von Günter Merlau und Martin Bentz entwickelten Produktionstechnik können die höchsten Anforderungen die mittlerweile an Orchestertrierungen
gestellt werden auch schon für kleinere Produktionen realisiert werden.
Das HHO Die Musiker Interview Merlau & Bentz 3 Fragen zu Musik
3 Fragen an Günter Merlau zum Thema Musik
Musik ist ein weites Feld und vielen geschmacklichen, qualitativen und modischen Unterschieden unterworfen. Was ist für sie Musik?
Früher war Musik für mich die stärkste und umfangreichste Form mich auszudrücken, oder auszuleben. Es verging kein Tag, an dem ich nicht irgendein Lick, eine Phrase, oder einen ganzen Song zusammengebaut habe, mit Bands geprobt, aufgetreten, arrangiert, gefrickelt, oder vor mich hin gesungen habe. Das ist heute etwas anders, weil die Bereiche, in denen ich künstlerisch tätig bin sehr umfangreich geworden sind.
Musikalisch habe ich mich in wirklich sehr viele unterschiedliche Bereiche ausgedrückt und verwirklicht. Ich konnte mit großer Leidenschaft einen 70er Jahre Schlager mit schönen, seichten Streicher-Arrangements herstellen und genauso vertieft in krankes Elektro-Hardcore Gekreische sein, obwohl ich zugeben muss, das mit den Jahren meine Neigung zu symphonischen und umfangreichen Musiken, bei denen man mehr zu entdecken hat stark zugenommen hat. Obwohl eher aus der „Kunst“ oder dem „Untergrund“ kommend, stellt auch aktuelle Pop-Musik für mich niemals ein kategorisches „no-Go“ dar.
Ob es nun das künstlerische Schaffen von Lady Gaga, Rihana oder Cold Play angeht, ist für mein Ohr nur relevant, was ehrlicher Ausdruck eines reinen Gefühls ist, was musikalisch fließt und in sich schlüssig, und im besten Falle notwendig erscheint.
Ansonsten würde ich sagen, dass Musik menschliche Emotionen aller Couleur abbildet und je nach dem, wie umfangreich dieses Gefühlsleben ausgereizt ist, befriedigt man diese Gefühle mit unterschiedlichten Musiken. Hinzu kommt, dass jede Musikrichtung seine eigene Herausforderung an Musiker und natürlich den Hörer stellt, die immer wieder neue Faszination für das Thema schaffen. Umfangreiche Kontrapunktarbeit an „klassischen“ Themen oder das Herausbrechen von drückende Big-Beat-Brettern aus dem musikalischen Lattenzaun, Currywurst oder 5-Sterne-Menue, alles hat seinen Platz, seine Zeit und seine Notwendigkeit.
Klassische Musik, Avantgarde, Punk-Rock, Elektro-Gefrickel, wie geht das zusammen?
Ich habe das große Glück in künstlerischen Kreisen in Bremen aufgewachsen zu sein, in denen es keine geschmacklichen, sondern nur qualitative Grenzen gab und selbst die wurden oft bewusst durchbrochen. Meine Eltern waren eher Klassik-Puristen, später bin ich aber mit Freunden wie Andreas Schneider, Andreas Einhorn Mark Scheibe, Christian Klüver und vielen anderen auf Musiker gestoßen, die sich gegenseitig aus unterschiedlichsten Bereichen kommend stark beeinflusst, gefördert und geprägt haben. Wir haben gemeinsam Bands und Projekten gelauscht, die sehr umfangreiche musikalische Einflüsse miteinander verwoben haben, ich erinnere mich an „Praxis“, ein beeindruckendes Projekt des Bassisten und Produzenten Bill Laswell, das er zusammen mit Leuten wie Funk-Legende Bootsy Collins, Saxophonist John Zorn, dem japanischen Gesangskünstler Yamatsuka Eye sowie dem Napalm Death-Schlagzeuger Mick Harris produziert hat.
Also Jazz meets, P-Funk, meets Avantgarde, meets Death-Metal, meets Geisteskrankheit, meets, lauschige Sommenacht, meets…
Das ist vielleicht der Grund dafür, dass ich oft genug sage, wenn mich Musiker und Komponisten anschreiben, ob sie für LAUSCH arbeiten können, dass sie gerne für uns schreiben können, wenn sie: extrem gut, außerordentlich abgefahren, unglaublich ideenreich, über alle Maßen umfangreich und unendlich gefühlvoll sind…ansonsten spare ich mir die Diskussionen, das Geld und alle möglichen Enttäuschungen und mache die Musik zu unseren Serien (mit meinen sehr bescheidenen Talenten und Mitteln) eben selbst.
Was ist das Besondere beim Vertonen von Hörspielen und Filmen, im Gegensatz zum Songschreiben?
Was in der „symphonischen Musik“ mit der „Romantik“ im 19. Jahrhundert begonnen hat und mit dem Bruch von Mahler, dem letzten Romantiker zu Strawinski geschehen ist, ist meiner Meinung das, dass sich das musikalische Ausdrucks-Vokabular immer weiter auf die eigentlichen Farben und Stimmungen der Gefühle und Assoziationen bezogen hat, als auf die vom Gehirn bereits geordneten und geformten Versionen dessen, die in aller Regel etwas verdaulichere Musiken gestalten. Die so genannte „Neue E(rnste)-Musik“ hat die Konsonanz, den Missklang auf ein anderes, viel höheres Niveau gehoben, was einem ungeübten Hörer zum Teil als akustische Folter erscheint.
Die Abgedrehtheit der neuen E-Musik hat viele Menschen verschreckt und nur wenige Fans. In Film- und Kinoproduktionen sind diese Kompositionsformen aber seit Anbeginn sehr beliebt und aus dem heutigem Hollywood gar nicht mehr weg zu denken. Gerade weil die Komponisten viel aggressiver, wagemutiger und authentischer Gefühle zum Ausdruck bringen wollten, sind sie seit Jahrzehnten die ideale Ergänzung zur Bilderwelt und ein fester Bestandteil unserer Film-Kultur.
Ich bin weit entfernt davon, mich als neuen E-Musiker zu bezeichnen, meine bescheidenen Möglichkeiten zu orchestrieren und zu gestalten sind angesichts eines Schnittke oder Britten eher als kindlich anzusehen, trotzdem kann ich Prinzipien aus diesen Richtungen auf unsere Hörspiele, oder auch auf Spiele und Filme, die wir vertonen anwenden, die allesamt versuchen aus dem Kunstwerk ein größeres Erlebnis zu machen. Das grundsätzliche Denken in Motiven und deren Variationen nach kontrapunktischen Gesichtspunkten ist für Film-, wie auch für Hörspielmusik wahrscheinlich unabdingbar.
